Volles Kino setzt starkes Zeichen für Aufklärung und Entstigmatisierung
Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Kinosaal – und das an einem sonnigen Frühlingsabend: Die Veranstaltung „Irre Nächte in Mittelfranken“ am Mittwoch, 22. April 2026, im E-Werk Kino Erlangen zeigte eindrucksvoll, wie groß das Interesse an Austausch und Aufklärung rund um psychische Gesundheit ist.
Zum Auftakt begrüßte Lutz Marx vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas Erlangen die zahlreichen Besucherinnen und Besucher. Er stellte das Format des Abends vor und betonte das gemeinsame Anliegen: psychische Erkrankungen sichtbar zu machen, Verständnis zu fördern und aktiv zur Entstigmatisierung beizutragen. Gleichzeitig lud er zur anschließenden offenen Gesprächsrunde ein.
Im Zentrum des Abends stand der Film „How to Be Normal… und der Versuch, sich selbst zu verstehen“. Die österreichische Tragikomödie begleitet die junge Pia, die nach einem Psychiatrieaufenthalt in ihr Elternhaus zurückkehrt und versucht, wieder im Alltag Fuß zu fassen. Dabei wird sie mit Erwartungen, Unsicherheiten und inneren Spannungen konfrontiert. Der Film zeichnet ein intensives Bild davon, wie fragil die Grenze zwischen individueller Wahrnehmung und gesellschaftlichen Vorstellungen von „Normalität“ sein kann – und wie herausfordernd der Weg zurück in den Alltag ist.
Die Reaktionen aus dem Publikum machten deutlich, wie bewegend und zugleich herausfordernd das Gesehene war. Eine Besucherin brachte es knapp auf den Punkt: „Heftig.“ Lutz Marx ergänzte: „Nicht ohne“ – und leitete damit über in die Gesprächsrunde.
Im anschließenden Austausch standen die Expertinnen und Experten den Fragen des Publikums zur Verfügung: Janina Storch (Klinikum am Europakanal), Lutz Marx (Caritas Erlangen) und Victoria Hössel (Krisendienst Mittelfranken). Sie gaben Einblicke in ihre jeweiligen Arbeitsfelder und machten deutlich, an wen sich Betroffene und Angehörige in unterschiedlichen Situationen wenden können. Besonders hervorgehoben wurde dabei die Möglichkeit einer niedrigschwelligen Kontaktaufnahme.
Victoria Hössel betonte, dass sich Unterstützungsangebote nicht nur an Betroffene selbst richten: „Man muss nicht selbst betroffen sein.“ Gerade Angehörige seien häufig mit Überforderung, Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen konfrontiert und bräuchten ebenso Unterstützung.
Die Diskussion entwickelte sich lebendig und vielschichtig. Themen wie Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis, der Umgang mit Nebenwirkungen von Psychopharmaka oder die Bedeutung einer reizarmen Umgebung wurden ebenso angesprochen wie ganz konkrete Fragen aus dem Alltag:
Wie erkennt man Krisensituationen? Was können Angehörige tun? Wie geht man als Familie mit einer psychischen Erkrankung um – insbesondere, wenn diese noch immer tabuisiert wird?
Deutlich wurde dabei auch der Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Aufklärung. Während etwa Depressionen zunehmend offener thematisiert werden, bestehen bei anderen Krankheitsbildern weiterhin große Wissenslücken und Unsicherheiten. Angeregt wurde unter anderem eine stärkere Verankerung entsprechender Themen in der schulischen Bildung, um frühzeitig Verständnis zu fördern.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Psychische Belastungen nehmen zu – und mit ihnen auch der Bedarf an Unterstützung. Gleichzeitig stoßen viele Hilfesysteme an ihre Grenzen, Wartezeiten sind häufig lang. Lutz Marx kommentierte dies mit einem augenzwinkernden, aber treffenden Satz: „Krisen muss man fast ein Jahr im Voraus planen.“
Umso wichtiger seien verlässliche Bezugspersonen und ein aufmerksames Umfeld, das hinschaut, zuhört und Unterstützung ermöglicht.
Der Abend endete mit großem Applaus für die gelungene Veranstaltung und das engagierte Publikum. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten im Anschluss die Gelegenheit, an den Infoständen mit Fachkräften ins Gespräch zu kommen und sich über konkrete Hilfsangebote zu informieren.
Die „Irren Nächte in Mittelfranken“ haben in Erlangen einmal mehr gezeigt: Offene Gespräche über psychische Gesundheit sind nicht nur notwendig – sie werden auch aktiv gesucht. Veranstaltungen wie diese leisten einen wichtigen Beitrag, um Vorurteile abzubauen, Wissen zu vermitteln und Menschen miteinander in Verbindung zu bringen.